Kinderzimmer 2. Teil
Während wir heute malten, kam plötzlich eine Gruppe junger Leute ins Zimmer. We are „student- nurses“, Auszubildende, bzw. Lernschwestern, zwei Mädchen, 4 junge Männer, stellten sie sich vor. Fragten mich genauestens aus, was ich hier tun würde, warum, wieso, meine Motivation, sie waren sehr interessiert und neugierig. Hat mich schon sehr verwundert, denn bisher hatte noch niemand irgend etwas wissen wollen. Einer setzte sich gleich auf einen kleinen Kinderhocker, nahm Blatt und Buntstifte und legte los, zeigte einem kleinen Jungen wie man ein Auto malt und gestaltete gleich selbst ein kleines Kunstwerk. Währenddessen erzählten mir die anderen, dass sie aus verschiedenen Krankenhäusern, bzw. kleinen med. Kliniken aus dem ganzen Land kommen würden, um hier ein wenig praktischen Unterricht zu erhalten. Unter jedem Arm klemmte ein Buch, denn sie „reporteten“ alles. Zwei, auf dieser Station arbeitenden Schwestern, verfolgten staunend das Geschehen aus der Entfernung. Eine Mutter, die bisher schlafend auf dem Kinderbett gelegen hatte, stand plötzlich hellwach hinter ihrem kleinen Sohn und gab ihm Anweisung. Als das nicht sofort klappte, nahm sie ihm den Stift aus der Hand und zeichnete ihm vor, wobei sie laute Erklärungen gab.
Nun war ich die jenige, die staunte. Was ging hier denn ab, fragte ich mich selbst ganz verwundert? Seit über 2 Monaten hat sich niemand für meine Anwesenheit und für das , was ich hier tat, interessiert. Und plötzlich nun die geballte Aufmerksamheit und Neugier für dieses kleine Kinderzimmer und die Menschen, die darin sassen und sich einfach nur mit Papier und Stiften beschäftigten.
Ein kleines Mädchen, etwa 10 Jahre alt, war besonders eifrig und talentiert. Sie malte Landschaften, ihren Garten, Hütten, Häuser und Tiere und erzählte dabei ganze Geschichten. Vom Pick nick am Wasserfall mit der ganzen Familie, von der Oma mit den vielen Kühen und Ziegen und vom Vater, der morgens mit dem Auto zur Arbeit fuhr. Offenbar ging es dieser Familie wohl sehr gut, denn sie trug sogar einen eigenen Schlafanzug , im Gegensatz zu allen anderen, die die ausgeblichenen, teils kaputten, oft viel zu grossen Krankenhaus eigenen trugen . Die anderen Kinder hörten ihr bewundernd und aufmerksam zu und einer sagte nur: Meine Oma hat keine Kühe, nur Ziegen! Ein anderer hatte nur Hühner und die Familie eines kleinen Mädchens hatte gar keine Tiere. Und damit war das Thema erledigt. Da war kein Neid oder Trauer, einfach nur Neugier, eine spannende Familiengeschichte zu hören. Und alles mit einem gewissen Gleichmut. Die hatte das alles, ich eben nicht. Na und? Das Thema war erledigt und jeder achtete nun wieder darauf, dass der Buntstift angespitzt war ( aber nur von mir).
Ich stellte mir jetzt die gleiche Situation bei uns zu Hause in Hamburg vor und fragte mich, ob nicht der eine oder andere skeptische, recht kindliche Einwand gefallen wäre, wie z.B.: „Du hast es aber gut. Müsst ihr aber reich sein. Wir haben das nicht!“ Dieses Kind wäre sicher von all den anderen sehr bewundert worden und jeder hätte sie gerne zur Freundin gehabt. Hier war dieses Mädchen nur eine unter vielen anderen.
Am nächsten Tag wurde ich schon erwartet. Der kleine Kindertisch war abgeräumt, es standen die Hocker rundherum und die Buntstifte hatte schon jemand aus dem Schrank geholt. Das hatte ich noch nie erlebt. Meistens musste ich erst ein wenig „Ordnung“ schaffen und dann durch die Kinderabt. gehen und fragen, wer denn wohl Lust hätte zu malen. Zu dem „grossem“ Mädchen von gestern, hatte sich ein etwa Gleichaltriges gesellt, das wohl etwas über die „Erlebnismalerei“ vom Vortag erzählt bekommen hatte und nun ganz wild heute mitmachen wollte. Die beiden legten auch gleich mit Feuereifer los.
Eine Schwester kam herein und schaute sich die Werke dieser kleinen Malgruppe an. Lobte und bewunderte die Kinder und blieb eine ganze Weile bei uns. Später kam eine zweite mit einem kleinen, scheuen Jungen an der Hand, der von den beiden grossen Mädchen sofort beschützend aufgenommen wurde.
Ich war beeindruckt, denn Unterstützung und Interesse hatten die Kinderschwestern bis jetzt noch nicht gezeigt. Heute sass aber eine in der Ecke und las 2 kleinen Jungen aus einem Märchenbuch etwas vor. Sie verschwand aber auch gleich, als sie mich kommen sah.
Zum ersten Mal wurde heute mein Radiergummi und gleichzeitig der Anspitzer entdeckt. Radiert wurde bisher nie und angespitzt habe ich heimlich vor der Tür über dem Mülleimer. Aber nun entbrannte ein heftiger Kampf. Es wurde plötzlich nicht mehr gemalt, sondern nur noch radiert. Und als die Buntstifte rasend schnell immer kürzer wurden, konnte ich sie nur noch bremsen, in dem ich mein Lineal hervor holte und zeigte, wie schöne, gerade Striche man damit ziehen konnte. Jetzt wollte jeder den „ruler“… give me ruler, give me ruler…. schrien alle durch einander. Alle fanden plötzlich bunte, gerade Striche einfach toll. Der Deckel von einer Keksdose und 2 Bücher hatten den gleichen Effekt und wurden zum Glück auch akzeptiert. Ein älterer Junge malte nun nicht mehr nur Striche, sondern „baute“ gleich ein ganz gerades Haus mit Fenster, Türen und Dach. Alle anderen versuchten ihm es nach zu machen. Der Anspitzer war erst mal vergessen.